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Henning, 34 Jahre alt, fährt heute täglich Rad: Mehr als zwei Stunden auf dem Rennrad in der Freizeit, eine halbe Stunde auf dem Faltrad im Alltag. Als Radbote hatte er noch die Ausbildung bei Schulterblick zum Radfahrlehrer gemacht und fährt seitdem entspannter – und lässt anderen lieber zweimal die Vorfahrt, auch wenn er selbst Vorrang hätte.

Vom Schreiduell zur Einsicht

Henning erinnert sich an ein hitziges Wortgefecht: Er auf dem Rad, der andere im Auto. Der Autofahrer gefährdete ihn, sah das aber anders. Für Henning war das Schreien ein Ventil – er war genervt vom Wetter und seinem Tag, der Autofahrer vermutlich auch. Am Ende, so glaubt Henning, kamen beide entspannter zu Hause bei ihren Liebsten an. Stolz ist er auf solche Momente nicht.

Tausende rote Ampeln

Als Radbote hätte Henning wohl tausende rote Ampeln überfahren können. Zusammenstöße hatte er als Radbote nie, aber einmal erwischte ihn die Polizei beim Überfahren einer roten Ampel. Er hatte noch 90 Sekunden bis zur nächsten Lieferung und nahm die rote Ampel in Kauf. Die Strafe änderte wenig. Ab und zu verleitete der Zeitdruck im Job. Für ihn war es manchmal eine Kosten-Nutzen-Rechnung, ein sportlicher Anreiz.

„Als Radbote nutzt man Lücken, die da sind, fährt in Grauzonen, wo nicht gefahren wird oder nicht gefahren werden sollte“, erzählt Henning. „Man schlüpft so durch. Die anderen Verkehrsteilnehmer:innen sind Hindernisse. Diese muss man umfahren und schauen und lesen. Man lernt da ganz ganz viel.“ Henning kann den Verkehr lesen.

„Ich könnte immer noch über eine große Kreuzung bei Rot fahren“, sagt Henning. „Ich weiß, wie ich mich da durchschlängeln könnte. Aber ich mache es nicht mehr – es ist einfach bescheuert!“

Mehr Zeit, weniger Stress

Heute bleibt er immer an roten Ampeln stehen. „Was habe ich davon, wenn ich sie überfahre? Ich muss aufpassen, dass ich nicht abgestraft werde, niemandem in die Quere komme und was macht das für einen Eindruck? Andere sehen das ja – ich habe eine Vorbildfunktion.“ Den sportlichen Reiz lebt er jetzt beim Rennradfahren in der Freizeit aus.

Henning hat erkannt: Unter Zeitdruck zu fahren, bringt nur Stress. Statt zehn Minuten gehetzt zu radeln, nimmt er sich jetzt 15 Minuten Zeit.

„Zeit, die ich mir nehme zum Genießen und mir und anderen dabei ein gutes Gefühl zu geben.“

Die Ausbildung als Wendepunkt

Die Ausbildung zum Radfahrlehrer hat Hennings Blick auf den Verkehr verändert. Es war kein einzelner Moment, sondern das Zusammenspiel aus Theorie, Praxis und Hospitationen, das ihn prägte. Ein Schlüsselerlebnis hatte er jedoch: Zwei Kinder am Naschmarkt, die beim Schulklassenkurs zunächst zögerten. „Ich trau mich nicht“ und „in meiner Familie fährt keiner Rad“, sagten sie. Zwei Stunden später hatten sie Radfahren gelernt und fuhren freudestrahlend ihre Runden. „Allein dafür würde ich die Ausbildung wieder machen!“

Während der Ausbildung begann Henning, den Verkehr Anders zu lesen. Nicht: Wo ist meine Lücke? Sondern: Was ergibt für alle Sinn? Ein Beispiel: Vor seiner Haustür gibt es eine Kreuzung. Nach der Rechtsregel hätte er Vorrang, doch die von links kommenden Radfahrer müssen einen Berg hoch. „Es ist ätzend, dort anhalten und wieder anfahren zu müssen. Jetzt lasse ich sie durchfahren.“

Egoist und Weltretter

Henning will, dass mehr Menschen Radfahren. „Ich ertrage den Lärm und den Trubel der Autos in der Stadt nicht mehr!“ Ein Teil von ihm ist altruistisch, ein Weltretter. Doch ein großer Teil ist auch egoistisch: Er wünscht sich entspannte Radfahrten – für andere, aber vor allem für sich selbst.

Das Fahrrad wird oft als schnellstes, günstigstes und einfachstes Verkehrsmittel beworben. Durchoptimiert, etwas mit dem man vor allem Sparen kann. Henning sieht das anders:

„Vielleicht sollten wir mehr betonen, wie viel man dabei gewinnen kann. Ich mache mir jetzt einfach eine gute Zeit!“

Rücksicht und Kommunikation


Henning fährt heute umsichtiger, besonders in Gruppen. Vor dem Losfahren bespricht er mit allen, wie sie kommunizieren wollen. „Diese eine Minute bringt allen mehr Spaß!“ Seine Partnerin und seine Mitfahrer:innen spiegeln ihm, dass er Ruhe und Ordnung in die Gruppe bringt.

Hennings Tipp: Mehr Genuss

Henning gestaltet das Radfahren so genussvoll wie möglich. Er fragt andere:

„Wie macht dir Radfahren am meisten Spaß?“

Wer sich ein paar Minuten mehr Zeit nimmt, startet entspannter und kann die Fahrt genießen – auch bei schlechtem Wetter oder viel Verkehr.

Nicht jede:r kann eine Ausbildung als Radfahrlehrer:in machen. Viele würden nie einen Radfahrkurs buchen, es sei denn sie wollen Radfahren lernen. Doch Henning sieht eine Lücke: Viele Menschen könnten Tipps gebrauchen, um das Radfahren für sich und andere angenehmer zu gestalten. Diese Lücke will er schließen.

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